Um nicht zu vergessen: Die Reise der Familie Schiliro von Sizilien nach Karlsruhe
Migration, Identität und La Dolce Vita – Begegnungen in der Toro Tapasbar Karlsruhe
Wer ein Restaurant führt, serviert nicht nur Speisen. Man serviert Begegnungen. Gespräche. Biografien. In meinem Restaurant Toro Tapasbar in Karlsruhe wird das besonders deutlich. Zwischen Espressotassen und Tapas tellern entstehen Geschichten, die größer sind als jede Speisekarte.
Eine dieser Geschichten beginnt mit Felix. Und mit Sizilien.
Ein Café in der Toro Tapasbar Karlsruhe – und plötzlich eine Lebensreise
Felix ist einer dieser Gäste, mit denen man sich gern auf einen Kaffee zusammensetzt. Kein lautes Auftreten, kein großes Theater. Er hört zu. Erzählt ruhig. Und irgendwann sagt er:
„Anche io parlo un po' italiano. Mia mogli é siciliana.“
„Ich kann auch ein bisschen Italienisch. Meine Frau kommt aus Sizilien.“
Seine Frau heißt Loredana. Geboren in Karlsruhe. Und doch, wie Felix betont, „immer noch Italienerin“. Ihre Eltern, Mimma und Rosario Schiliro, wanderten in den 1960er Jahren aus Sizilien nach Deutschland aus. Genauer: aus Bronte.
Eine kleine Stadt am Westhang des Ätnas.
Bronte – Die Stadt der Pistazien
Doch in den 1960er Jahren war Bronte vor allem eines: strukturschwach.
Landwirtschaft, wenig Industrie, kaum Perspektiven für junge Familien. Armut, geringe Ausbildungsmöglichkeiten, hohe Arbeitslosigkeit. Laut historischen Daten verließen zwischen 1955 und 1975 mehrere Millionen Italiener ihre Heimat in Richtung Nordeuropa. Deutschland war eines der wichtigsten Zielländer. Das sogenannte Anwerbeabkommen zwischen Italien und der Bundesrepublik von 1955 öffnete die Tür für hunderttausende Arbeitskräfte.
Rosario Schiliro war einer von ihnen.
Arbeitsmigration der 1960er – Zahlen und Realität
Zwischen 1955 und 1973 kamen rund 650.000 italienische Gastarbeiter nach Deutschland. Viele arbeiteten in Industrie, Bauwesen oder bei mittelständischen Betrieben. Der Bedarf war hoch. Der Wiederaufbau lief auf Hochtouren.
Rosario fand Arbeit bei der Firma Radio Becker in Ittersbach, unweit von Karlsruhe. Fachkräfte wurden dringend gesucht, auch im Ausland. Erst kam er allein. Später holte er Mimma nach.
Mit ein, zwei Koffern begann ein neues Leben.
Und man vergisst leicht, wie fremd vieles damals war. In den 1960er Jahren kannten viele Deutsche weder Pizza noch Spaghetti, keine Mozzarella, keinen Parmigiano, keinen Prosciutto und auch keinen Rucola. Mediterrane Küche war kein Trend, sondern ein Rätsel. Die ersten „Cappuccinos“ in Karlsruhe bestanden nicht selten aus starkem Filterkaffee mit einem Löffel Sahne obendrauf. Was heute selbstverständlich wirkt, war damals kulturelle Pionierarbeit. Mit jeder Tomatensauce, mit jedem improvisierten Espresso, hielten auch neue Geschmäcker und neue Lebensgefühle Einzug. Integration verlief nicht nur über Fabrikhallen und Arbeitsverträge, sondern auch über Kochtöpfe, Espressokannen und gemeinsame Mahlzeiten.
Harte Zeiten. Andere Sprache. Andere Gewohnheiten. Ein anderes Klima. Und ein anderes Selbstverständnis von Arbeit und Gesellschaft.
Was Statistiken nüchtern als „Arbeitsmigration“ bezeichnen, war in Wirklichkeit ein persönliches Wagnis. Ein Abschied auf unbestimmte Zeit.
Zwischen zwei Welten – Aufwachsen in Karlsruhe mit sizilianischen Wurzeln
In Karlsruhe kam Loredana zur Welt. Zweite Generation. Deutsch in der Schule, Italienisch zu Hause. Pasta am Sonntag, Lyoner oder Fleischkäse am Mittwoch.
Solche Biografien sind heute keine Ausnahme mehr. Laut Statistischem Bundesamt leben rund 870.000 Menschen mit italienischen Wurzeln in Deutschland. Viele von ihnen sind hier geboren. Und doch bleibt die Verbindung zur Herkunft stark.
Felix lernte Loredana 2003 kennen. Über ihre Schwester. Sie war seine Friseurin. Loredana wohnte damals bei ihr. Morgens begegneten sie sich zufällig auf dem Weg zur Arbeit.
Zufälle sind manchmal hartnäckig.
„Über ihre Schwester konnte ich erste Kontakte knüpfen“, sagt Felix und lächelt. Keine große Inszenierung. Eher ein leises Herantasten.
Sizilien – Sehnsuchtsort und Realität
„Ich liebe alles dort. Die Menschen. Das Essen. Den Vino. Das Meer. Diese Lebensart.“
Sizilien steht für viele Deutsche sinnbildlich für „La Dolce Vita“. Laut EU-Tourismusdaten gehört Italien seit Jahren zu den drei beliebtesten Reisezielen der Deutschen. Allein 2023 reisten mehrere Millionen Bundesbürger in italienische Regionen, Sizilien verzeichnete steigende Besucherzahlen.
Doch Felix verschweigt auch die Schattenseiten nicht.
„Was mich nervt, ist der Müll, der leider oft einfach am Straßenrand entsorgt wird.“
Eine nüchterne Beobachtung. Tatsächlich kämpft Sizilien seit Jahrzehnten mit strukturellen Problemen in der Abfallwirtschaft. Wirtschaftliche Disparitäten zwischen Nord- und Süditalien sind weiterhin deutlich messbar.
Romantik und Realität existieren nebeneinander.
Zweisprachige Erziehung – Identität im Alltag
Felix und Loredana versuchen nun, ihren Sohn zweisprachig zu erziehen. Deutsch und Italienisch. Keine pädagogische Mode, sondern gelebte Identität.
Studien zeigen, dass zweisprachig aufwachsende Kinder kognitive Vorteile entwickeln können, insbesondere in Bezug auf Sprachgefühl und Perspektivwechsel. Gleichzeitig ist es eine Frage der Zugehörigkeit.
Sprache ist mehr als Grammatik. Sie ist Erinnerung. Familiengeschichte. Klang gewordene Herkunft.
„So lerne ich die Sprache gleich mit“, schmunzelt Felix.
Migration wirkt weiter. In den Enkelkindern. In der Wortwahl. In den Rezepten, die weitergegeben werden.
Zwischenfazit: Migration ist kein abstrakter Begriff
Hinter jedem statistischen Wert steht eine Familie wie die von Rosario und Mimma. Hinter jedem Einwanderungsjahr eine Entscheidung mit Risiken.
Felix’ Geschichte zeigt, wie Arbeitsmigration der 1960er Jahre heute in der dritten Generation weiterwirkt. Wirtschaftliche Not führte zur Auswanderung. Bildungschancen und Perspektiven waren der Antrieb.
Heute sitzt ihr Enkel in Karlsruhe am Küchentisch und lernt zwei Sprachen.
Geschichte verdichtet sich manchmal in einem einzigen Gespräch.
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| Italienische Gastarbeiter in den 1960er Jahren auf dem Weg nach Deutschland. |
FAQ: Migration, Integration und zweisprachiges Aufwachsen
1. Warum wanderten in den 1960er Jahren so viele Italiener nach Deutschland aus?
Deutschland benötigte Arbeitskräfte für Industrie und Wiederaufbau. Italien hatte hohe Arbeitslosigkeit, besonders im Süden. Das Anwerbeabkommen von 1955 erleichterte die Migration erheblich.
2. Welche Rolle spielte Süd-Italien bei der Arbeitsmigration?
Überproportional viele Migranten kamen aus strukturschwachen Regionen wie Sizilien oder Kalabrien. Dort waren Perspektiven in Landwirtschaft und Industrie begrenzt.
3. Welche Vorteile hat zweisprachige Erziehung?
Kinder entwickeln häufig ein besseres Sprachgefühl und kulturelles Verständnis. Wichtig ist eine konsequente Anwendung beider Sprachen im Alltag.
4. Wie prägt Migration die zweite und dritte Generation?
Oft entsteht eine doppelte Identität. Viele fühlen sich sowohl deutsch als auch italienisch. Traditionen, Küche und Sprache bleiben wichtige Bezugspunkte.
5. Welche Bedeutung haben Gastronomiebetriebe für Integration?
Restaurants sind Begegnungsorte. Hier entstehen informelle Gespräche, Netzwerke und kultureller Austausch. Integration findet hier im Kleinen statt.
6. Gibt es heute noch wirtschaftliche Unterschiede zwischen Nord- und Süditalien?
Ja. Das Pro-Kopf-Einkommen im Süden liegt weiterhin deutlich unter dem des Nordens. EU-Förderprogramme versuchen, strukturelle Nachteile auszugleichen.
Persönliche Einschätzung
Als Betreiber der Toro Tapasbar in Karlsruhe sehe ich Migration nicht als Schlagzeile, sondern als gelebte Realität. Viele meiner Gäste tragen Geschichten in sich, die weit über Karlsruhe hinausreichen.
Manchmal frage ich mich, wie viele dieser Biografien unentdeckt bleiben, weil niemand nachfragt.
Felix war einer jener Gäste, bei denen ein Gespräch reicht, um zu erkennen: Integration ist kein abgeschlossenes Projekt. Sie ist ein Prozess über Generationen.
Und sie beginnt oft mit einem einfachen Satz:
„Ich kann auch ein bisschen Italienisch.“
Geschichten bewahren – bevor sie verblassen
Mein Wunsch ist es, Geschichten wie die von Rosario und Mimma festzuhalten, bevor sie leise zwischen Generationen verblassen. Nicht als Heldenerzählungen, sondern als das, was sie sind: dokumentierte Alltagsgeschichte. Es sind Biografien, die vom Mut erzählen, von wirtschaftlicher Not, von Hoffnung auf Bildung und Sicherheit für die eigenen Kinder. Wenn wir sie nicht aufschreiben, bleiben nur Statistiken. Doch Zahlen kennen keinen Geruch von frisch geröstetem Kaffee, keinen Klang einer fremden Sprache am Küchentisch, kein Zittern beim ersten Arbeitstag in einem unbekannten Land. Solche Geschichten verdienen einen Platz im kollektiven Gedächtnis unserer Stadt.
Fazit: Migration, Identität und die stille Kraft der Begegnung
Die Geschichte von Felix, Loredana, Rosario und Mimma ist kein Einzelfall. Sie steht exemplarisch für viele italienische Familien in Deutschland.
Arbeitsmigration der 1960er Jahre hat das Gesicht deutscher Städte verändert. Karlsruhe bildet da keine Ausnahme. Heute sind italienische Wurzeln Teil der regionalen Identität geworden.
Für mich als Gastronom bleibt eine Erkenntnis:
Ein Restaurant ist nie nur ein Ort zum Essen. Es ist ein Ort, an dem sich Lebenswege kreuzen. Und manchmal reicht ein Espresso, um eine ganze Epoche greifbar zu machen.
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Migration und Identität in Karlsruhe: Eine persönliche Geschichte aus der Toro Tapasbar über Sizilien, Arbeitsmigration und Integration.
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Migration, Italienische Gastarbeiter, Sizilien, Karlsruhe, Integration, Zweisprachige Erziehung, Gastronomie, Arbeitsmigration 1960er, Bronte
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